Stundensätze in der IT-Branche oder Herr Schulz macht sich Sorgen

Herr Schulz macht sich Sorgen

Von einem neuen Prekariat spricht SPD-Chef Martin Schulz beim Parteitag im Dezember und meinte damit unter anderem Paketboten, Uber-Fahrer und – Programmierer. Die Kritik folgt auf dem Fuße und schwappt einmal quer durchs Internet. „Programmierer gleich Prekariat?“ schimpft der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. (vgsd), und weist darauf hin, dass gerade Mitarbeiter im IT-Bereich „landauf landab“ um ihre hohen Stundensätze bei gleichzeitig hoher Auslastung beneidet würden. Schulz hingegen sieht es als Aufgabe der Politik, „den Menschen die Sicherheit zu geben, dass es auch morgen noch für sie eine gute Perspektive gibt“ und zielt damit auf die vermeintliche systematisierte Selbstausbeutung ab, die über Online-Vermittler und Projektplattformen stattfindet. Die befürchtete Folge: Unsichere Einkommensverhältnisse, niedrige Lebensstandards, Altersarmut durch den Trend zur Selbstständigkeit und, so Schulz, die „App-gesteuerte Dienstbotengesellschaft“.

Fragt die Experten

Aber was sagen die Experten selbst? Das Branchenportal Freelancermap, die Computerwoche und die Projektplattform Gulp haben sie gefragt – und ziemlich genau das Gegenteil herausgefunden. Die regelmäßig durchgeführten Freelancer-Studien bieten einen differenzierten Einblick in die Lebens- und Arbeitsrealität, sie geben Auskunft über Stundensätze, die allgemeine finanzielle Lage sowie die Zufriedenheit der Freelancer mit ihrer Arbeit.

Demnach sieht es zurzeit gut aus für Freiberufler, Freelancer und Selbstständige in der IT-Branche. Die anhaltend hohe Nachfrage nach IT-Freiberuflern treibt die Preise der Experten lt. der IT-Freiberufler-Studie der Computerwoche weiter in die Höhe und beträgt aktuell etwa das Zehnfache des gesetzlichen Brutto-Mindestlohns. Der Digitalverband Bitkom sieht IT-Freelancer für Unternehmen als unentbehrlich an: „Die Zahl der unbesetzten Stellen für IT-Spezialisten hat die Marke von 50.000 Stellen übersprungen, Unternehmen aller Branchen suchen händeringend IT-Experten. Das sind gute Zeiten für IT-Freelancer, die in diesem Bereich tätig sind“, sagt Dr. Axel Pols, Geschäftsführer der Bitkom Research. „Ohne Digitalexperten, vom Software-Entwickler über den IT-Sicherheitsspezialisten bis zum IT-Berater, wäre die digitale Transformation in Deutschland nicht möglich und ohne IT-Freelancer wäre diese für viele Unternehmen nicht zu stemmen.“

Und so wundert es wenig, dass die größten Hürden bei der Beauftragung von IT-Experten in der Budgetknappheit der beauftragenden Unternehmen sowie der eingeschränkten Verfügbarkeit der Experten liegt. Umso naheliegender eigentlich, dass IT-Experten Stundensätze erheben, von denen es sich halbwegs gut leben lässt und sogar noch Spielraum für eine eigene Altersvorsorge bleibt.

Hamburg top, Sachsen – naja

Bei genauerer Betrachtung der Studien fällt jedoch auf, dass die Stundenlöhne der Freelancer teils himmelweit auseinanderliegen – bei gleichen Skills! Zwar liegt der Gesamtdurchschnitt der Stundenlöhne bei der Gulp-Studie bei satten 89,87 Euro – Tendenz steigend. Aber während ein Professional in Hamburg im Durchschnitt 93,13 Euro pro Stunde mit nach Hause nimmt, bekommt seine Kollegin in NRW 88,34 Euro, der bayrische Kandidat 84,60 Euro und der Kollege in Sachsen nur noch 70,30 Euro die Stunde; damit ist der Freistaat absolutes Schlusslicht.

Die Freelancer-Studie kommt auf ähnliche Ergebnisse, dort liegt der Durchschnitts-Stundensatz bei 87,36 Euro – 5,23 Euro mehr im Vergleich zum Vorjahr. Dabei fällt auf: Im Schnitt erhalten die 40 – 49-jährigen Experten den höchsten Stundensatz, die Generation U-30 den niedrigsten mit im Schnitt 75,74 Euro – Frauen verdienen im Schnitt 3,02 Euro pro Stunde weniger als ihre männlichen Kollegen. Der Stundensatz variiert auch je Fachgebiet. Die befragten SAP-Experten im Freelancer-Kompass erhielten den höchsten Stundensatz mit 105,01 Euro, weit abgeschlagen dagegen Content-Manager, Texter und Grafiker mit durchschnittlich 65,85 Euro. Fähige IT-Experten aber sind rar und werden entsprechend gut bezahlt – 14,6% der Befragten der Gulp-Studie gaben sogar an, mehr als 130 Euro pro Stunde zu verlangen.

Auch die Herkunft der Experten spielt eine Rolle. In der Freelancer-Studie stammten beispielsweise 22,41% der Befragten aus NRW, 21,99% waren Bayern, 14,48% aus Baden-Württemberg, 2,85% aus Sachsen. Bremen und Mecklenburg-Vorpommern liegen mit 0,63% weit zurück. Diese großen Unterschiede spiegeln sich auch in den Projektzahlen von dcaps.io wider. Die Top-Standorte mit den meisten angebotenen Projekten sind Frankfurt, Stuttgart, München und Hamburg, gefolgt von einigen NRW-Standorten, Nürnberg und Mannheim. Die neuen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern liegen weit abgeschlagen hinten.

90 Euro Stundensatz – und mehr!

 

Über die Hälfte der Befragten gab an, im kommenden Jahr den Stundensatz ändern zu wollen. Das heißt im Klartext über 90% von diesen Experten plant eine Erhöhung ihres Stundensatzes zwischen 5 und über 10 Prozent. Gleichzeitig prognostiziert GULP für 2018 einen Anstieg der Durchschnittsstundensätze auf über 90 Euro auf durchschnittlich 96,53€. Diese Zahlen machen Mut: Einerseits sind die Einkommenssituationen der Befragten offensichtlich so gut, dass sie ihren Lebensstandard halten können, gleichzeitig steigt der Bedarf an hochqualifizierten Experten in der IT und damit auch ihr Marktwert. Gerade die jüngere Freelancer-Generation kann sich also in Sachen Lohnverhandlung noch etwas mehr trauen, dann klappt es auch mit der Altersvorsorge. Ohne, dass Martin Schulz sich darum kümmern muss.

Quellen:

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